john cageMusik von Cage oder dem hierzulande etwas unbekannteren Tenney zu genießen, gilt als nicht gerade leichtes Unterfangen. Im Vorfeld dieser Rezension witzelte eine Freundin, der ich von meiner anstehenden Rezension erzählte, sie höre Cage durchaus mal gerne, doch nicht länger als 4:33. Nun, diese Performance der Stille, betitelt mit 4:33, die in der Länge durchaus variabel sein kann und besser als Video zu präsentieren wäre, ist hier nicht dabei. Die vom Zeitkratzer Ensemble eingespielten und von Reinhold Friedl dirigierten Stücke der beiden Komponisten fordern vom Zuhörer einen Abstand vom hektischen Alltag. Man sollte sich nicht bloß Zeit nehmen, sondern auch all die drängenden Gedanken ums tägliche Überleben beiseite schieben, sehr weit, um der Gefahr zu entgehen, auf eine Geduldsprobe gestellt zu werden. Die Aufnahmen haben weitaus mehr zu bieten. Die Pionierarbeit der beiden amerikanischen Experimentalisten des Klangs verbreitet einen akademischen Charme, stellt die Musiker vor Aufgaben, deren man sich bewußt sein sollte, wenn man sich als Hörer auf die Stücke einlässt. Erst dann erkennt man die neuartige Herangehensweise der Komponisten und die Tragweite dieser Neuen Musik. Von John Cage sind die Stücke (1) Four6 [1992], (2) Five [1988] und (3) Hymnkus [1986] aufgenommen worden. Der Zeitumfang beträgt insgesamt 65 Minuten. Die Aufnahmen sind als Ensemblestücke zu hören und haben kammermusikalischen Charakter. Die Klänge entstammen üblichen Instrumenten. Dadurch wird ein dichter Klangkörper geschaffen, der mit heterogen wirkenden Tonerzeugungen so nicht möglich wäre. Unweigerlich rückt die Struktur und der Ablauf musikalischer Ereignisse ins Zentrum, weniger eine Offenheit gegenüber diversen
james tenneyKlangmöglichkeiten und deren Emanzipation. Ist man an den Abläufen interessiert, findet man eine hervorragend eingespielte und produzierte CD. Von James Tenney sind berücksichtigt worden: (1) Harmonium #2 [1976], (2) Critical Band [1988] und (3) Koan: Having Never Written a Note for Percussion [1971]. Die Gesamtzeit beträgt 48 Minuten. Es handelt sich um Textures, die deutlich das Interesse für psychoakustische Phänomene des Komponisten zeigen. Wer den Komponisten Tenney schon kennt, erhält eine Bereicherung für seine Sammlung. Wem die psychoakustischen Experimente aber noch unbekannt sind, sollte die Chance wahrnehmen, sich mit seiner Musik vertraut zu machen. Der Saxophonist und Klarinettist Hayden Chisholm (http://www.haydenchisholm.net) ist sowohl im Zeitkratzer Ensemble als auch bei The Embassadors federführend aktiv. Es macht einen besonderen Reiz aus, diese neuen Alben in einem Kontext zu besprechen, gerade dann, wenn die Herangehensweisen kaum unterschiedlicher sein könnte.
Emotionalen Charme verbreitet Chisholm mit “Coptic Dub”. Mit der Entwicklung des Modalen Jazz im 20. Jhd. wuchs auch das Interesse, sich mit anderen Musikrichtungen auseinanderzusetzen. Bekannte Beispiele sind Öffnungen gegenüber Rock, Funk, der World Music oder der Neuen Musik. The
coptic dubEmbassadors um Hayden Chisholm haben den Dub einbezogen, der es erlaubt, den Rhythmus stärker zu betonen und Solopassagen als auch Textures zur atmosphärischen Verdichtung einzusetzen. Stehen nicht mehr Soloinstrumente im Mittelpunkt des Geschehens, wird die Aufgabe, Spannung zu erzeugen, auf alle Instrumente gleichermaßen gelegt: Dies erfordert einen abwechslungsreichen Umgang mit Phrasierungen, Spielweisen, möglicherweise Effekten und läd dazu ein, auch die Klangvielfalt von Synthesizern (und Samplern) einzusetzen. The Embassadors bieten all diese Bereichungen - und mehr. Die Stücke verweisen teilweise aufeinander, zitieren, variieren. Dadurch wird der atmosphärische Eindruck noch verstärkt. Und der Ursprung des Dub klingt phasenweise aus der Ferne an: durch integrierte Steel Drums. Ich hatte den Eindruck, als erzählen Chisholms Instrumente eigentlich nicht, sondern schauen! Sie legen sich wie ein Blick auf eine Landschaft, in eine Straßenflucht ...dies eröffnet dem Hörer die Möglichkeit, mit den Stücken auf eine Reise zu gehen. -- Reinhard Matern
:: Zeitkratzer/[Old School] John Cage/James Tenney - Zeitkratzer Records/Broken Silence
:: The Embassadors /Coptic Dub - Noneplace/Groove Attack
Zeitkratzer - [Old School] // The Embassadors - Coptic Dub
| pe 10 Mar 10 |



